Auslandsjahr
Alte Liebe rostet nicht
Das nächste Mal fährst du länger weg. Du willst nicht mehr nur Urlaub machen, du willst reisen.
Es fängt harmlos an. Mit einem Monat Urlaub in China und einem Reiseführer von Lonely Planet. Kein Pauschalurlaub mehr. Das erste Mal auf eigene Faust ein Land entdecken. Alleine, ohne vorher ein Hotel gebucht zu haben.
Ohne Rücksicht nehmen zu müssen auf eine quengelnde Reisegruppe.
China macht es dir leicht. China ist die Einstiegsdroge. Es ist schön, exotisch und unglaublich billig. Das Essen ist exzellent, die Menschen sind freundlich und die Landschaft atemberaubend schön.
Das nächste Mal willst du länger weg. Du willst nicht mehr nur Urlaub machen, du willst reisen. Zwei oder drei Monate in den Ferien, doch dein Job lässt dir dafür keinen Raum. Vielleicht noch einmal nach Asien, Nordamerika oder Australien, dass ist dein Plan!
Ein zweiter Trip nach Hongkong, vom Essen bekommst du öfter Durchfall und der Transport ist härter, die Hostels dreckiger. Dafür triffst du in Klapperbussen auch nicht mehr eine Krankenschwester aus Hildesheim, sondern einen Typ aus Kanada, der seit einem Jahr durch Südostasien tourt. Du siehst Orte, deren Magie dich in ihren Bann zieht.
Alles was daheim schwer ist, wird unterwegs leicht. Leute kennen lernen zum Beispiel. Du siehst jemand alleine mit einem Lonely Planet in der Hand und sprichst ihn an. Er freut sich. Er hält dich nicht für merkwürdig, sondern reist mit dir zusammen. Du tourst mit ihm die nächsten zwei Wochen durch ein Land, teilst mit ihm das Hotelzimmer, obwohl du Zuhause schon ein merkwürdiges Gefühl bekommst, wenn du länger als drei Stunden mit derselben Person in einem Raum bist. Dann tauscht ihr Email-Adressen aus.
Vielleicht schreibst du ihm noch ein- oder zweimal, vielleicht auch nicht.
Du hast ohnehin schon so viele Email-Adressen von irgendwelchen Menschen aus irgendwelchen Ländern, dass du längst den Überblick verloren hast. Du bist aus diesem Grund sehr froh, dass es in unserer Zeit so nützliche Dinge wie Facebook gibt. Deine Freundesliste platzt bereits aus allen Nähten.
Du triffst jeden Tag Menschen, deren Lebensentwürfe so komplett verschieden sind von allem, was du kennst. Barbesitzer aus Frankreich, die die eine Hälfte des Jahres arbeiten und die andere durch die Welt reisen. Menschen, die nicht mehr zurückwollen, deren Lebensinhalt die Flucht geworden ist.
Sie alle sehen so glücklich aus. Deine Wertevorstellungen geraten ins Wanken. Alles was du brauchst, um glücklich zu sein, ist ein Lonely Planet und eine Visa-Karte. Wozu tausende von Euro verdienen, wenn man mit zehn Euro am Tag leben kann wie ein kleiner König? Du hast eine der besten Zeiten deines Lebens. Du merkst dass du einen Weg beschreitest, den Du nicht mehr verlassen möchtest.
Nach drei Monaten kommst du zurück und stellst zu deinem Erstaunen fest, dass sich hier nichts verändert hat. Die Dinge, über die deine Freunde sprechen, sind dieselben wie vor drei Monaten. Aber sie erscheinen dir nichtig: Irgendjemand hat ein Praktikum bei irgendeinem Unternehmen, jemand ein Beziehungsproblem mit seiner Freundin. Das kann es nicht sein. Du hast in drei Monaten soviel erlebt wie sonst in drei Jahren. Du willst mehr vom Leben.
Du willst so weit weg, wie möglich.
Dein Plan steht fest, dein nächstes Ziel wird Australien sein. Ein Land, das du bisher noch nicht bereist hast. Es strahlt auf dich eine unbändige Faszination aus.
Es lässt dich nicht mehr los. Du gehst nur noch ungern zur Berufsschule und auch das Arbeiten fällt dir schwer. Die Ausbildung zieht sich ewig hin, ist trocken, langweilig und anstrengend. Du willst leben, nicht funktionieren. Du willst nach Australien am liebsten sofort in den nächsten Flieger steigen.
Du willst dort leben für ein Jahr oder sogar zwei. Noch einmal arbeitest du, sparst Geld für deinen großen Plan. Du machst es. Du brichst alle Zelte ab, verkaufst deine Möbel, schließt deine Lehre ab und fährst los: Für zwei Jahre nach Australien, im Juli geht’s los.
Irgendwann ist es dir egal geworden, in welchem Land du gerade bist. Wichtig ist nur, dass dein Kopf frei ist, du nicht mehr an daheim denken wirst und wenn doch, dann nur mit einem Kopfschütteln. Dir wird immer klarer werden, dass bei uns daheim etwas schief läuft.
Aus der Ferne siehst du Deutschland anders: Es ist ein kaltes Land mit gestressten Menschen, die einen Tanz ums goldene Kalb aufführen. Die Angst regiert. Angst, seinen Job zu verlieren, Angst, keinen Job zu bekommen, Angst, alleine zu sein, Angst, zu wenig zu tun. Du warst in Ländern, in denen Menschen bettelarm sind und noch nie einen Computer gesehen haben. Sie alle sahen glücklicher aus als die Geschäftsmänner, Politiker und Praktikumsfetischisten.
Du weißt: Das ist naiv. Aber plötzlich verstehst du nicht mehr, was an Naivität falsch sein soll. Du erlebst Momente absoluten Glücks. Momente, in denen nichts anderes zählt als die Gegenwart. Momente, die erfüllt sind von der Schönheit der Natur und die der Menschen dieses Planeten. Sie sind das Realste, das du je in deinem Leben verspürt hast. Sie sind stärker als Argumente.
Sie bringen dich dazu, deinen Plan umzusetzen, der Flug ist gebucht und das Visum hast du bereits seit Monaten in der Tasche.
Alle Argumente, in Deutschland zu bleiben prallen an dir ab.
Wenn du nach einem oder zwei Jahren wieder zurückkommen wirst, weißt du schon jetzt, dass du dann jegliches Verständnis für dein Land verloren hast. Für die komplizierten, langwierigen politischen Prozesse, die Lügen der Staatsmänner, die langwierigen Amts Prozesse, für die Notwendigkeiten von Studiengebühren, für Hartz IV und für das schlechte Wetter.
Und wirst du aus der Ferne Australiens eine neue Liebe zu deinem Land und den Menschen die dort leben lernen. So wie Du sie vorher noch nie gespürt hast.
All die kleinen Dinge, die grünen Landschaften, die Reihenhaussiedlungen und das schlechte Wetter rücken in ein neues Licht.
Und Du wirst Australien dafür dankbar sein, dass es dieser Beziehung neues Leben eingehaucht hat.
June B.

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